Lars Hybsz & Fabian Lampe



Generell würde ich dieses historische Artefakt in einem allgemeinen Kontext der Vergangenheitsbewältigung betrachten, wenngleich dieser Terminus in der Praxis leider vor allem auf das Dritte Reich/den 2. Weltkrieg beziehungsweise die DDR bezogen wird.

So wird beispielsweise in der Drucksache Nummer 16/9875 des Deutschen Bundestages – ein Konzept des Bundes zum Thema Gedenkstätten – zunächst auf Folgendes verwiesen: „Das Verständnis der eigenen Geschichte trägt zur Identifikationsbildung jeder Nation bei“. Im weiteren Verlauf wird diese gelungene und allgemeine Aussage allerdings ausschließlich auf „Gedenkstätten zur NS-Terrorherrschaft“ beziehungsweise auf die „Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur in Deutschland“ bezogen. Ohne den Anspruch stellen zu wollen, man hätte jedes einzelne problematische Kapitel der deutschen Geschichte aufnehmen müssen (hier müsste auch zunächst gefragt werden, was eigentlich problematisch heißt) hätte man an dieser Stelle auch weiterhin allgemeiner formulieren können und somit auch ein allgemeines Konzept abgeliefert, anstatt nur wieder die üblichen Themen mit einzubeziehen.

Dennoch sollte man auch auf die gewisse Diskrepanz zwischen einer historischen Aufarbeitung im Sinne gesellschaftlicher und politischer Prozesse einerseits und einem möglichen respektvollen Ruhenlassen andererseits verweisen. Immerhin leben beispielsweise noch heute viele Nachkommen ehemaliger Kolonisten in den ehemals kolonisierten Staaten und damit tun sie prinzipiell kein Unrecht. Daher kann man wohl auch durchaus Verständnis dafür aufbringen, wenn sich beispielsweise diese Personen einen sanfteren Umgang mit dieser Thematik wünschen. Schließlich will der Großteil der aktuellen deutschen Bevölkerung auch nicht ständig auf die NS-Vergangenheit der Vorfahren hingewiesen werden.

Was etwa die Frage nach der moralischen Verpflichtung ehemaliger Kolonialmächte vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingsproblematik angeht, so ergibt sich diese wohl einfach aus reiner Menschlichkeit. Die Geschichte muss an dieser Stelle keine Rechtfertigung geben, wenngleich sie sicherlich genutzt werden darf und kann, falls es nötig ist, eine bodenständige und leicht verständliche Begründung für eben diese moralische Verpflichtung zu liefern.

Was die Frage nach der Rechtfertigung für dieses Projekt angeht, soll an dieser Stelle darauf verwiesen werden, dass Gedenkstätten und ähnliches handfestes historisches Material heutzutage wohl immer mehr an Bedeutung verlieren. Allerdings muss man sich auch die Frage gefallen lassen, wieso dem so ist und ob nicht einfach eventuell nur der Fokus auf andere neuere Artefakte der Geschichte fällt.

Lars Hybsz
17.05.2016


 

„Was, Deutschland hatte mal Kolonien? Geil!“ Diese Reaktion auf meine Frage nach dem Braunschweiger Kolonialdenkmal in meiner Unisportgruppe gab gewissermaßen den Anstoß für dieses Projekt.  Scheinbar gibt es beim Thema Deutscher Kolonialismus noch einige Defizite bei vielen Menschen, die man ihnen nicht einmal übelnehmen kann.

Denn es ist ein Thema, das in der Schule nicht - oder nur am Rande - behandelt wird, in den Medien, wenn überhaupt, mit Guido Knopp in Digitalspartensendern zu sehen ist, und ansonsten den Dunstkreis der Wissenschaft (noch) nicht recht verlassen hat. Dabei hat die Forschung in den letzten Jahrzehnten auf diesem Gebiet durchaus nicht geschlafen.

Mit dieser Seite wollen wir den bescheidenen Versuch starten, diesem kolonialen Unbewusstsein etwas entgegenzuwirken und etwas Licht in das Dunkel dieses Themas zu bringen, das – eben in Form des Kolonialdenkmals – auch ein wenig mit unserer Stadt zu tun hat. 

Die Geschichte dieses Projektes begann bereits im Frühjahr 2014 mit, aus heutiger Sicht, wahnwitzigen Ambitionen. Mein persönlicher Eindruck war zu Beginn weitaus kritischer, als er es heute, im Frühjahr 2016 ist. Die Tatsache, dass dort mitten im Park und von der Stadt gepflegt ein reaktionäres Denkmal steht, das Soldaten ehrt, die vor gut einhundert Jahren den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts begangen haben, passte so gar nicht in meine Vorstellung unserer Zeit. Dementsprechend wahnwitzig waren dann auch die ersten Pläne: Eine Umwidmungsaktion nach Bremer Vorbild, eine Erweiterung, eine künstlerische Umgestaltung. Das alles sollte auf diesen Skandal vor unserer Haustür aufmerksam machen.

Nach dieser ersten Empörung begann die differenzierte Auseinandersetzung mit dem Kolonialdenkmal und dem übergeordneten Thema des Deutschen Kolonialismus allgemein. Von der ersten Idee, einen rein informierenden Flyer zu erstellen, der zunächst nur in der Universität verteilt werden sollte, rückten wir schnell ab, als sich uns nach und nach die große Stoffmenge eröffnete. Neben der persönlichen Arbeit mit den verschiedenen Quellen zum Denkmal haben gerade die vielen Gespräche mit anderen interessierten Personen viel zur persönlichen Urteilsbildung über das Denkmal und dem Umgang damit, beigetragen.

Heute würde ich sagen: Man muss das Ganze etwas lockerer sehen! Nur wenn das Denkmal an seinem authentischen Ort steht, kann es uns noch Aufschluss über die Stimmung der Vergangenheit geben. Eine Möglichkeit, vor Ort an umfassendere Informationen als die auf der kleinen Erklärungstafel zu kommen, sollte im Zeitalter von Smartphones und QR-Codes keine zu große Herausforderung darstellen und könnte in Zukunft helfen, ein besseres Bewusstsein der Menschen für ihre direkte Umgebung und ihre koloniale Vergangenheit zu schaffen.

Nichtsdestotrotz freue ich mich über jeden, der nach der Entdeckung des Denkmals voller Empörung bei der Suche nach weiteren Informationen auf diese Seite stößt und sich dadurch ein persönliches und differenziertes Urteil zum Thema bilden kann.

Fabian Lampe
17.05.2016