Der Historiker als Sterbebegleiter



Hi-sto-ri-ker, Substantiv [der] „Person, die sich wissenschaftlich mit Geschichte befasst.“ „Wissenschaftler, Forscher, Kenner auf dem Gebiet der Geschichte.“ „Ein Historiker ist ein Wissenschaftler, der sich mit der Erforschung und Darstellung der Geschichte beschäftigt.“

Diese Definitionen eines Historikers und seiner Tätigkeiten stammen von Google, dem Duden und Wikipedia. Sie zeigen, dass jemand, der auf der Suche nach den Aufgaben eines Historikers ist, keine schnelle, einfache und allgemein gültige Antwort auf seine Frage erwarten darf. Dass der heutige Historiker ein Wissenschaftler sein muss, steht spätestens seit dem 20. Jahrhundert nicht mehr zur Debatte. Die Erforschung und Darstellung der Geschichte ist dabei die typische Vorgehensweise seiner Arbeit. Doch muss die Erforschung zwangsweise an die Arbeit mit alten Dokumenten in stickigen Archiven und die Darstellung der Ergebnisse an kiloschwere Monographien gebunden sein? Diese Vorstellung von der Arbeit des Historikers gilt heutzutage sicherlich -und glücklicherweise- nur noch bedingt. Die Vielfalt an Forschungsmethoden, Quellen und Publikationsmöglichkeiten wächst immer weiter, was auch den Aufgaben des Historikers eine größere Bandbreite verschafft.

Das gängige Bild des mahnenden Historikers, der mindestens alle 5 Jahre zu den Jubiläen an jene und solche Schandtaten der Geschichte erinnert, an den Gedenksteinen den Finger hebt und sagt: „Das darf niemals in Vergessenheit geraten“, hat für manche Kollegen sicherlich seine Berechtigung. Doch noch berechtigter ist die Frage danach, ob es überhaupt eine der Aufgaben der Historiker sein soll, den Finger alle Jahre wieder in die Wunden zu legen und die Geschichte dabei niemals zur Vergangenheit werden zu lassen. Könnte er nicht auch als Sterbebegleiter der Geschichte fungieren, der nach einer gewissen Zeit, sobald es kein öffentliches Interesse (mehr) an bestimmten Themen gibt, der Geschichte beim Vergehen zusieht und nur noch dann begleitend eingreift, wenn das Interesse dafür ohne sein Dazutun wieder steigt?

 

Im Folgenden soll diese alternative Rolle des Historikers anhand eines Beispiels diskutiert werden.  Als Versuchsobjekt dient uns dazu das Kolonialdenkmal in Braunschweig.

Fragt man die Braunschweiger heute, wo man in der Stadt die Löwenstatue finden kann, wird man wohl ohne Umwege zum Burgplatz geschickt. Denn dort steht er, der bronzene Löwe. Stolzes Wahrzeichen der Stadt und Namensgeber Heinrichs des Löwen. Dass es in der Stadt noch eine andere Löwenstatue gibt, ist vielen Braunschweigern heute nicht (mehr) bewusst. Doch der alte Löwe am Dom hat einen vergleichsweise jungen und ungeliebten Verwandten in seiner Nähe. Am Rande des Stadtparks, am Ende der Jasperallee, kurz vor dem Prinz-Albrecht Park steht das Braunschweiger Kolonialdenkmal. Seit seiner Aufstellung im Jahr 1925 hat das Denkmal immer wieder kleinere Debatten hervorgerufen, die sich jedoch alle mit der Zeit verliefen und außer einer kleinen Erklärungstafel nichts hervorgebracht haben. In den letzten Jahren wurde es aber weitestgehend von der Bevölkerung ignoriert oder akzeptiert. Zumindest ist es nach der letzten größeren Aktion der IGS-Franzsches Feld im Jahr 2006 ruhig um das Denkmal geworden.

Man könnte sagen: So lange sich niemand mehr darüber empört, hat das Denkmal einfach an Relevanz für die Menschen verloren. Niemand stört sich mehr daran. Ist es dann die Aufgabe des Historikers, diese Empörung künstlich hoch zu halten? Künstlich deshalb, weil seine Empörung nicht aus einem persönlichen Empfinden kommt, sondern einen professionellen Hintergrund hat. Man könnte sagen, dass die Vergangenheit auch vergehen sollte, um eine solche zu werden. Die neue Rolle des Historikers könnte in diesem Fall auch sein, die Vergangenheit beim Vergehen zu begleiten, ihr dabei zuzusehen und nur einzuschreiten, wenn eine gesellschaftliche Relevanz von unten heraus entsteht, die nicht von Historikern zu gerade wieder einmal aktuellen Jubiläen von oben herab den Menschen angetragen wird.

Diese Argumentation greift jedoch beim Kolonialdenkmal und der damit angeschlossenen Thematik des deutschen Kolonialismus entschieden zu kurz. Die Einstellung, dass eine bestimmte Zeit und ihre Auswirkungen irgendwann einmal abgeschlossen werden und daher natürlicherweise in den Hintergrund des kollektiven Gedächtnisses rücken, ist als generelle Aussage nicht verwerflich, sondern der natürliche Lauf der Dinge.

Das Problem dieser Haltung in Bezug auf das Kolonialdenkmal und dem ihm angeschlossene Rattenschwanz ist aber, dass diese Thematik nie im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit vorhanden war. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hatte man vornehmlich andere Sorgen, als sich um die Belange der Bevölkerung in den alten Kolonien zu kümmern. Ein Bewusstsein für die ehemaligen Kolonien war vorhanden. Es fiel jedoch ganz anders aus, als wir das heute bewerten würden. Die Tatsache, dass die SPD und andere bürgerliche Parteien bei der Aufstellung des Denkmals beteiligt waren, spricht dafür, dass die kolonialrevisionistische Haltung eine Einstellung war, mit der man auch in der Weimarer Republik noch in besten Kreisen verkehren konnte. Das deutsche Selbstbewusstsein nach dem Ersten Weltkrieg war verletzt und man wollte sich mit den Auflagen des Versailler Vertrages nicht einfach zufriedengeben. Kolonialrevisionismus war also durchaus gesellschaftsfähig.

Der Nationalsozialismus in seiner Gegenwart verhinderte ebenfalls eine aktive und differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema. Die offizielle Politik betrieb zwar aus verschiedenen Gründen keine offensive Strategie zur Rückerstattung der verlorenen Kolonien, förderte aber natürlich auch keinen öffentlichen Diskurs über die Missstände und Verbrechen der Deutschen gegenüber den „minderwertigen Rassen“ in „Schwarzafrika“.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg gab es für Kolonialverbrechen seitens Deutscher „Schutztruppen“ in der öffentlichen Erinnerungskultur kaum Platz. Der alles überschattende Holocaust lässt der Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte nur sehr wenig Raum. Erst seit den 1990er Jahren steigt die Anzahl an Historikern, die sich mit dem Thema kritisch auseinandersetzen. Ihre Publikationen treiben eine wissenschaftliche Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte voran, konnten bis heute aber den Habitus des Historikers nur schwerlich verlassen und ins öffentliche Bewusstsein treten.

Genau dieser nötig gewesene Übertritt, der in der neuesten deutschen Geschichte nicht –oder zumindest nicht ausreichend weit- stattgefunden hat, lässt die durchaus schöne Idee des Historikers als Sterbebegleiters aufgearbeiteter Geschichte, im konkreten Fall des Kolonialdenkmals in Braunschweig nicht greifen. Denn etwas, das nie in dem Bewusstsein der Bevölkerung war, weil es auch in der Schule nur marginale Erwähnung findet, kann ihr auch nicht nach befriedigender Aufarbeitung langsam entschwinden.

Die Feststellung einer nichtexistierenden Relevanz des Kolonialdenkmals für die Öffentlichkeit ist daher in diesem Falle nicht als Erfolg, sondern als Misserfolg der Aufarbeitung der eigenen Geschichte zu verstehen und zeigt, dass der Historiker auf diesem Feld noch einiges an Arbeit zu leisten hat. Ob es dabei sinnvoll ist, Jahr für Jahr an den Gedenksteinen der Republik zu stehen und den mahnenden Finger zu heben, ist dabei mehr als fraglich. Die eingangs erwähnte Aufgabe des Historikers vom Erforschen und Darstellen der Geschichte ist hier zumindest so lange nicht beendet, bis seine Darstellungen nicht den Weg in das öffentliche Bewusstsein gefunden haben. Erst wenn dieser Diskurs zur Genüge geführt wurde, kann er sich zurücklehnen und zufrieden zusehen, wie sich die Patina der Geschichte über das Denkmal legt, und nur erklärend eingreifen, wenn jemand kommt und daran kratzt.


Fabian Lampe
Braunschweig, Juni 2015