#dietotenkommen Flüchtlingsdebatte trifft Kolonialdenkmal

#dietotenkommen

Flüchtlingsdebatte trifft Kolonialdenkmal

 

 

Den Braunschweigern, die Ende Juni 2015 im östlichen Ringgebiet unterwegs waren und auf der Jasperallee in Richtung Prinzenpark gingen, bot sich auf Höhe des Stadtparks ein nicht alltägliches Bild: Ein frisches Grab vor einem alten Denkmal.

An den Anblick des Kolonialdenkmals, einen in Stein gehauenen Löwen, hat man sich hier seit Jahrzehnten gewöhnt. Man geht eher achtlos an ihm vorbei, Kinder der angrenzenden Schule klettern darauf herum, während sie auf den Bus warten. Nur selten bleiben Menschen stehen und betrachten das Denkmal und die Erklärungstafel genauer. Es ist etwas verwittert. Der Löwe sieht fast schon traurig aus. Er hält sein seine rechte Pranke auf die Weltkugel. Die Umgebung des Denkmals ist idyllisch. Dem Stadtteil sagt man die schönsten Häuser der Jahrhundertwende nach und die zur gleichen Zeit erbaute St. Paulikirche könnte genauso gut als Kulisse eines Harry Potter Films dienen. Die Jasperallee selbst hieß früher Kaiser-Wilhelm-Straße und war die Pracht- und Aufmarschallee des Kaiserreiches und später der Nationalsozialisten. Die Nationalsozialisten waren es auch, die das Kolonialdenkmal von dem Mittelstreifen der Allee in den seitlich angrenzenden Stadtpark versetzten, um die Kaiser-Wilhelm-Straße mit den Aufmarschplätzen des Franzschen Feldes zu verbinden.

Doch beginnen wir von vorn, denn die Geschichte des Denkmals begann schon früher:

Initiiert durch den Verein ehemaliger Ostasiaten und Afrikaner wurde in der Braunschweigischen Landeszeitung vom 01. April 1925 ein Spendenaufruf geschaltet, der die Finanzierung eines Kolonialdenkmals ermöglichen sollte.

Dieser Verein war eine Interessenvertretung der Menschen, die im Rahmen des deutschen Kolonialismus in Afrika und Asien tätig waren und dort beispielsweise im Militär dienten, eine Anstellung in der Verwaltung hatten oder in Handel und Wirtschaft arbeiteten.

Was das Selbstverständnis und die Intention dieses Vereins angeht, sprach man häufig davon, dass Deutschland längerfristig und vor allem aus wirtschaftlicher Sicht ohne Kolonien nicht überlebens- beziehungsweise konkurrenzfähig sei. Ein deutsches Engagement in den Kolonien wäre daher legitim und die Interessen der Kolonisten seien in der Bevölkerung unbedingt zu vertreten.

In dem Spendenaufruf zur Finanzierung des Kolonialdenkmals erinnerte der Verein die Menschen an die in den Kolonien gefallenen Soldaten, denen man in würdiger Form gedenken müsse. Außerdem forderte man bereits hier die Wiederbeschaffung der deutschen Kolonien.

Der Entwurf des Denkmals stammte von Prof. Herman Flesche, der seit 1924 den Lehrstuhl für Baukunst an der Technischen Hochschule Braunschweig innehatte und seit 1933 NSDAP Parteimitglied war. Später bekam er das große Verdienstkreuz der Bundesrepublik und eine besondere Ehrung in Form des Fleschewegs in der Braunschweiger Nordstadt.

Die Finanzierung glückte und so fand am 15. Juni 1925 die feierliche Einweihung des Kolonialdenkmals statt. Auf einen Festakt im Konzerthaus am Vorabend, fand tags darauf die Denkmalsweihe statt. Vertreter des Kolonialkriegerbundes und des Alten Adels, sowie Angehörige des mittleren Bürgertums hielten pathetische Reden: Unter anderem sprach Herzog Friedrich von Mecklenburg: „Wir kämpfen ohne Unterlass für unseren Kolonialbesitz.“ und der Landesverbandsführer des Stahlhelms, Wilhelm Uhlenhaut forderte: „Heraus mit unseren Kolonien!“

Man könnte meinen, dass wir es hier mit einem Haufen radikaler Reaktionäre zu tun haben, doch weit gefehlt. Gerd Biegel, Professor für Regionalgeschichte in Braunschweig merkt an: „Das Denkmal belegt auch das bürgerliche Selbstbild aus der Zeit der Aufstellung. 
Immerhin war auch die SPD daran beteiligt.“ Man konnte also mit solchen Ansichten auch in Weimarer Zeit noch in den besten Kreisen verkehren.

Außer dem Umstand, dass das Denkmal nach dem Krieg, trotz alliierte Anordnung, alle nationalsozialistischen und militärischen Denkmäler und Straßennamen zu entfernen, bestehen blieb, gibt es bis Anfang der 1990er Jahren keine nennenswerten Ereignisse.

Gegen Ende des ereignisreichen 20. Jahrhunderts kamen dann einige Debatten über das steinerne Stück Zeitgeschichte auf. Es könne missverstanden werden und gehöre in ein Museum, meinten Einige. Andere fanden, als Teil der deutschen Geschichte müsse es unbedingt dort stehen bleiben, um eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit anregen zu können. In einer Ratsdiskussion einigte man sich schließlich darauf, das Denkmal am Ort zu lassen, es jedoch mit einer einordnenden Erklärungstafel zu versehen, um Missverständnissen vorzubeugen.

 

Unter dem Motto "Geschichte vor Ort" erarbeitete der Braunschweiger Lehrer Reinhard Bein im Jahr 1993 zusammen mit seinen Schülern des Geschichtsleistungskurses der 12. Klasse ein Projekt zum Braunschweiger Kolonialdenkmal. Intention der Schüler war es, „Licht in das Dunkel um das Denkmal“ zu bringen. Die Ergebnisse dieses Projektes wurden am Ende in der geschichtsdidaktischen Fachzeitschrift Praxis Geschichte veröffentlicht.

Mitte Februar 2004 wurde das Kolonialdenkmal von Unbekannten mit roter Farbe beschmiert. 
Auf die Vorderseite schrieb jemand „KOLONIALISMUS WAR MASSENMORD“ 
Auf dem Kopf des Löwen fanden sich 2 Farbklekse, die nach unten herunterlaufen und 
-gewollt oder nicht- an blutende Wunden erinnern.

 

Zum vorerst letzten Mal erlangte das Kolonialdenkmal Aufmerksamkeit durch eine Aktion der IGS-Franzsches Feld im Sommer 2006:

13 Schüler und 2 Lehrer der IGS kamen damals zusammen, um in einer Arbeitsgemeinschaft ein Kunstprojekt zum Kolonialdenkmal zu erarbeiten. Das gemeinsame Anliegen der Schüler und Lehrer Astrid Schrobsdorff und Fredegar Henze war es, das aus ihrer Sicht eher unbekannte Denkmal wieder etwas mehr in das Bewusstsein der Menschen zu bringen. Dazu nahmen sie das Wort Denkmal kurzerhand auseinander und schufen damit das Motto ihrer Aktion: „Denk mal anders“.


Man könne die Aussage des Denkmals, dem Gedenken an die verlorenen Kolonien und der dort gefallenen Kolonialsoldaten nicht ohne Weiteres stehen lassen. Außerdem kritisierten die Schüler, dass bis in das Jahr 2003 jährlich zum Volkstrauertag Kränze für die Soldaten am Denkmal niedergelegt worden, die von 1904 bis 1907 das Volk der Herero zur Hälfte vernichtet hätten. Daher sollte die Aktion einen kritischen Umgang mit dem Denkmal und der Thematik des Kolonialismus bewirken. 


Das verhüllte Denkmal wurde zudem mit Spruchbändern ergänzt, die zum Nachdenken anregen sollten. Das erste Spruchband enthielt ein Zitat des deutschen Erstbesteigers des Kilimandscharo: "Der Kilimandscharo heißt jetzt Kaiser-Wilhelm-Spitze. Er ist der höchste Berg Deutschlands." Diese Zitate wurden in regelmäßigen Abständen gewechselt. 

Ihre Wirkung verfehlte die Aktion indes nicht. Sie hat auf das Denkmal aufmerksam gemacht; wenn auch bisweilen nicht im eigentlichen Sinne der Erfinder. Zwischenzeitlich wurde das Kunstprojekt mit einem rechtsradikalen Spruch beschmiert und in den Sommerferien sogar zerstört. Ein Unbekannter zerschnitt die Verhüllung, sodass eine neue Plane angeschafft werden musste. 

 

Bis sich neuer Protest rund um das Denkmal bildete, sollte es noch fast zehn Jahre dauern:

Zwischen Sonntag, dem 21.06.2015 und Mittwoch, dem 24. 06.2015 haben Unbekannte vor dem Kolonialdenkmal ein Grab ausgehoben.

Die Aktion ist Teil der bundesweiten Protestaktion „dietotenkommen“, die –in Berlin begonnen- in ganz Deutschland symbolische Gräber für die vor den Grenzen Europas umgekommenen Flüchtlinge anlegt und unter dem Hashtag #dietotenkommen im Internet verbreitet wird.

Ins Leben gerufen wurde der Protest vom „Zentrum für politische Schönheit“. In einem Ankündigungsvideo behaupten die Künstler, sie hätten 10 Leichen von Flüchtlingen in Europa exhumiert, um sie mitten in Berlin menschenwürdig zu bestatten. 

Bewusst spielen sie dabei mit der Frage nach Fiktion und Wirklichkeit. So bleibt am Ende offen, ob es in Berlin tatsächlich echte Bestattungen gegeben hat. In verschiedenen Medien ist die Rede von der Beerdigung einer syrischen Mutter mit ihrer Tochter in Berlin-Gatow am Dienstag, den 16.06.2015. Bei dem am Sonntag, den 21.06.2015 stattgefundenen „Marsch der Entschlossenen“ huben hunderte Demonstranten schließlich symbolische Gräber vor dem Berliner Kanzleramt aus.

Warum genau das Kolonialdenkmal in Braunschweig als Ort der Protestaktion gewählt wurde, kann bisher nur spekuliert werden, da sich noch niemand zu der Aktion geäußert hat. 
Eine mögliche Argumentationskette könnte aber so aussehen:


Die meisten Flüchtlinge kamen bis zum Sommer 2015, anders als heute, über den Seeweg zu uns. Viele der Flüchtlinge, die versuchen über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, kommen aus Afrika. Ein Großteil der afrikanischen Staaten sind ehemalige Kolonien, die z.T. erst in den 1960er Jahren oder noch später unabhängig wurden. Von diesen Staaten wiederum, wurden viele seit ihrer Unabhängigkeit mehr oder weniger autokratisch regiert und von Korruption unterwandert, was zu Krieg, Armut und Hunger bei der Bevölkerung geführt hat. Diese dramatischen Zustände, die sich bis heute in diesen Ländern halten, führen zur massenhaften Flucht der Menschen nach Europa. Dazu kommt die Kritik, die kapitalistische Wirtschaftsform, die zu dem hohen Lebensstandard in Europa führt, könne nur durch eine Ausbeutung der Dritte-Welt-Staaten aufrechterhalten werden, die durch die von den Europäern zu verantwortenden postkolonialen Probleme keine Chance auf echte Entwicklung hätten.

Nach häufig monatelanger, lebensgefährlicher Reise ertrinken nun viele Flüchtlinge vor den Grenzen Europas unter den Augen europäischer Politiker. Das Kolonialdenkmal, das heute noch den ehemaligen Deutschen Kolonien gedenkt, und damit ein Symbol der Schuld darstellt, könnte somit als Ziel der Aktion gewählt worden sein, um diese Verbindung aufzuzeigen.

Und, hat es was gebracht? Die Frage scheint berechtigt. Die Aktion #dietotenkommen hat bundesweit für Aufsehen gesorgt und bei manchen sicherlich auch zu einem Umdenken und mehr Engagement für Flüchtlinge geführt. Wer genau für die Aktion in Braunschweig verantwortlich war, weiß man bis heute nicht. Eineinhalb Monate später veranstaltete eine Gruppe antifaschistischer Aktivisten eine ähnliche Aktion auf dem Braunschweiger Kohlmarkt. Das Grab vor dem Kolonialdenkmal spielte dort aber keine Rolle. Die bundesweite Aktion hallte in den Medien noch einige Zeit nach, doch abgesehen von einem kleinen Beitrag einer Online-Regional-Plattform bleib das Braunschweiger Grab ohne weitere Medienwirkung. Außerdem muss offen bleiben, ob der hier gefundene Zweck der Aktion auch wirklich der Intention des/der Aktivisten trifft.

Aber immerhin: Wüsste der Verantwortliche von diesem Essay, vielleicht wäre er mit so viel Auseinandersetzung schon zufrieden.

Fabian Lampe
Braunschweig, März 2016